Perspektiven der Inuit in Bezug auf die Schifffahrt durch die Nordwestpassage.
Aus einem Text von Karen Kelley (Inuit Tapiriit Kanatami, Ottawa, Kanada, 2017)
Übersetzung: Viktor Stern
Seit Jahrtausenden leben Inuit auf dem Land, Wasser und Eis, aus denen ihre Heimat, Inuit Nunangat, besteht. Durch den Klimawandel und das schmelzende Eis wächst das Interesse am Land der Inuit und seinen Wasserstraßen. Weltweit bekannt als Nordwestpassage.
Dabei sehen die Ureinwohner dieser Region die Öffnung der Nordwestpassage (die Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik im Norden des amerikanischen Kontinents) aus einer anderen Perspektive als viele der Menschen in südlichen Regionen. Sie berichten von den Veränderungen, die sie sehen, und den gewaltigen Einfluss dieser Veränderungen auf ihren Way of Life. Die Mehrheit der kanadischen Inuit lebt in vier Regionen der kanadischen Arktis:
Inuvialuit (Northwest Territories)
Nunavut
Nunavik (Nord-Quebec)
Nunatsiavut (Nord-Labrador)
Zusammen bilden diese vier Regionen Inuit Nunangat, das Heimatland der ca. 65.000 Inuit in Kanada mit 35 % der Landmasse Kanadas und 50 % seiner Küste.
Die Inuit sind ein seefahrendes Volk. Ihre Kultur und ihr Way of Life sind untrennbar mit den Ozean verbunden. Die Meeresumwelt ist von zentraler Bedeutung für ihre Identität, ihre Wahrnehmung der Welt und ihrer selbst. Die Nordwestpassage ist ein Teil von Inuit Nunangat, und zukünftige Aktivitäten dort haben Auswirkungen auf Inuit-Kommunen und ihren Way of Life. Die Ansichten der Inuit müssen daher in der Mitte aller Überlegungen stehen, wie die Nordwestpassage zukünftig von Kanada und anderen Staaten genutzt wird.
Was heute als Nordwestpassage bekannt ist, wurde von den Inuit schon seit Jahrtausenden benutzt, um durch Inuit Nunangat zu reisen. Sie betrachten diese also mehr als Teil ihres Heimatlandes denn als Abkürzung für den Welthandel.
Heute werden neue Fragen gestellt wie: „Wem gehört die Arktis?“ Für die Inuit klingt diese Frage indes höchst merkwürdig:
„Wir haben eine Geschichte, die tausende von Jahren quer über die Arktis umfasst, die andere nun für sich reklamieren. Wir gehören zu den wenigen Völkern in der Welt, die die Fähigkeit besitzen, in der Arktis mit ihren harschen klimatischen Bedingungen zu leben und zu überleben. Wir sind ein Küstenvolk und hängen vom Lebensraum Meer ab. Und die Jahreszeiten schenken uns verschiedene Möglichkeiten zum Jagen, Sammeln und Fischen. Schiffstransporte durch die Nordwestpassage werden stark zunehmen und unsere Umwelt bedrohen – eine, die wir weiterhin nutzen und von der wir leben. Tausende Fahrgastschiffe navigieren heute bereits durch die Gewässer der Arktis ohne die notwendige Infrastruktur in der Region. Hier sind große Investitionen nötig.
Kanada will im hohen Norden Tiefseehäfen gründen, die es an der Westküste Grönlands bereits gibt. Eine verstärkte Ausübung von Offshore-Rechten durch die Inuit in der Arktis ist entscheidend für das Überleben, die Entwicklung und die Zukunft der Inuit. Die Rechte der Inuit als Ureinwohner der Arktis schließen das Recht ein, erneuerbare und nicht erneuerbare Ressourcen des Meeres zu nutzen. Eine weitgehende Kooperation über die Davisstraße hinweg zwischen den Inuit von Kanada und Grönland ist notwendig. Für die Entwicklung ihrer Wirtschaft ist es vor allem wichtig, dass sie ihr Wissen und ihre Erfahrung in der Seeschifffahrt teilen. Die Entwicklung der Fischindustrie in grönländischen Gewässern, kontrolliert und im Besitz der Inuit in Grönland, ist ein wichtiger Pfeiler der ökonomischen Entwicklung.“
Seit den frühen 60er haben auch die Inuit in Kanada Schiffsnavigatoren und kommerzielle Fischer ausgebildet. Der Wechsel von einem Leben als traditioneller Robbenjäger zu dem eines Schiffskapitäns oder eines Matrosen auf einem Trawler hat die Inuit in die Lage versetzt, an der modernen Fischwirtschaft mit hochwertigen Produkten teilzuhaben. Kanada hat inzwischen begonnen, die Ausbildung junger Inuit für die Arbeit im Seetransport-Sektor wie auch in der Fischerei verstärkt zu fördern.